„Mit offenen Augen sieht man bis zum Horizont. Mit geschlossenen Augen sieht man darüber hinaus.“
Über Spirit of Africa — Adler, Fisch, Pferd, geschlossene Augen →
Künstler · Mentor · Mystiker
und Handwerker.
Was der südafrikanische Bildhauer schuf, reichte von seiner ländlichen Kindheit — dem Pferd im Sprung, den Bullen und Widdern — bis zu Träumen und tiefen Mysterien: jenen gesichtslosen, verhüllten Gestalten, die er kurz vor seinem Tod in Tomorrow’s Angels umnannte. Zu seinen öffentlichen Skulpturen zählt eine vier Meter hohe Bronze von Nelson Mandela, der sich zu einem verletzten Kind beugt — vor einem Krankenhaus im südafrikanischen Umtata. Sein privatestes Werk verließ nie seinen Eingangsflur: Lucifer, ein chromgeflügelter, aus Stolz gefallener Engel, an dem er unvollendet noch arbeitete, als er starb. In seiner Zeit war er Mentor von Mmakgabo Helen Sebidi und Tommy Motswai, leitete Kinder-Kunstwettbewerbe, sammelte simbabwische Steinskulpturen und spielte Posaune in einer Karnevalskapelle. Er war verheiratet mit der Künstlerin Celia De Villiers; gemeinsam zogen sie zwei Kinder groß, die ihr Leben den Künsten widmen.
Die Skulpturen
„Wenn ich die Skulpturen mache, weiß ich nur wenig über das endgültige Ergebnis. Ich taste mich vor, prüfe und suche im Prozess in meiner Seele, bis ich an den Punkt komme, an dem alle geistige Aktivität nachlässt und nur ein Gefühl bleibt…“ Kurt Lossgott, Gazette-Interview, ca. 1989
Kurt Lossgott
Eine Biografie
1941–2025 · Bildhauer, Handwerker, Mentor, Mystiker
Sudetenland und Nachkriegsdeutschland
Kurt Lossgott wurde am 30. Dezember 1941 im Sudetenland geboren — inmitten der Umwälzungen des Zweiten Weltkriegs. Als Arbeiterkind und Heimatvertriebener im Nachkriegsdeutschland angesiedelt, machte er eine Ausbildung zum Maschinenschlosser — ein Fundament in Werkstoffen und Handwerk, das alles tragen sollte, was er später schuf.
Die Reise nach Süden
In den 1960er-Jahren wanderte er mit einem Arbeitsvertrag als Kältemechaniker nach Südafrika aus. Nebenbei verdingte er sich als Darsteller in Fotoromanen und als Katalogmodell, und versuchte sich im Boxen — die improvisierte Ankunft eines Einwanderers in einem neuen Land.

Die Jahre des geschweißten Metalls
Angeregt von den kinetischen Skulpturen Jean Tinguelys begann Kurt, Figuren aus ausrangierten Maschinenteilen zu schweißen. 1969 hatte er seine erste Einzelausstellung in der Goodman Gallery in Johannesburg. Der Telegraph schrieb:
„Sowohl die Künstlerschaft als auch das allgemeine Publikum zeigten beträchtliches Interesse an einer kürzlich gezeigten Ausstellung moderner Bildhauerei des 28-jährigen Kurt Lossgott. Den meisten fiel es schwer zu glauben, dass der Künstler in seinem ganzen Leben nie eine künstlerische Ausbildung oder Anleitung erhalten hat und erst vor vier Jahren bei seiner Ankunft in Südafrika überhaupt mit dem Bildhauern begonnen hat…“
— The Telegraph, „Sculpture from motorcar scrap“, 14. Februar 1969.
„Auf Schrottmetall-Safaris auf Schrottplätzen pflegte ich Muttern und Schrauben aufzulesen und solche Stücke auszuwählen, die Teil meiner Motive werden konnten. Oft hatte ich ein bestimmtes Stück im Sinn, fand aber dann etwas anderes, das sich als besser erwies.“ Kurt Lossgott im Gespräch mit Elsa Semmelink, Looking East, 21. September 1994

Bronze und die ländlichen Studien
In den 1980er-Jahren vertiefte Kurt seine Fertigkeiten in der Metallschmiedekunst, im Modellieren mit Ton und Wachs und im Formenbau. Aufträge für detaillierte Studien landwirtschaftlicher Tiere — der Brahmanen-Bulle, das Merino-Schaf — griffen die Spuren seiner ländlichen Kindheit auf. Doch es war das Pferd in Bewegung, zu dem er über die Jahre treu zurückkehrte und für dessen Darstellung er wohl am bekanntesten war.
| Das galoppierende Pferd, der wandernde Esel, die Bremer Stadtmusikanten

Tomorrow's Angels
In den verhüllten Figuren der damals so genannten Tomorrow series, entstanden in den frühen 1980er-Jahren, gab Kurt dem uralten Geheimnis des Unbekannten Gestalt — dem, was viele Kulturtraditionen „den Schleier“ nennen. Spät im Leben nannte er sie um in Tomorrow's Angels. Die verhüllten Archetypen wurden zentral für sein metaphysisches Werk. 1987 in München gezeigt, 1990 am Kap.
| Hinter dem Schleier — die sieben Figuren, vom Stranger zur Mother
„Ist es möglich, dass seine Figuren bereits eine Antwort auf eine Frage geben, die wir erst noch stellen müssen?“ Ein Münchner Kritiker, 1987, zur Tomorrow Series bei der Ausstellung in der Bayerischen Landesbank
Gegen den Strich
Mit der Kritik hatte Kurt nicht immer einen leichten Stand.
Ein Artikel im Eastern Echo vom Dezember 1974 über die Schrottmetall-Tierarbeiten trieft vor ironischer Kritik. Dieser „kraftvolle, männliche Bildhauer“, schreibt die Journalistin, habe „die mechanischen Aspekte unserer mitunter alptraumhaften Zivilisation“ „vollständig erfasst“.
In Pretoria, in einer Besprechung der gemeinsamen Ausstellung mit Celia bei der SA Association of Arts, las der Afrikaanse Kritiker Joey de Jager die Tomorrow Series mit weniger Geduld: „eine Figur sieht so aus wie die andere.“
In München, 1987, stellte ein namenloser Abendzeitungs-Kritiker zur Ausstellung in der Bayerischen Landesbank jene Frage, die die anderen Rezensenten nicht gestellt hatten: „Stellt Lossgott diese Gruppe als Sinnbild für die tiefsitzende, schmerzhafte Erkenntnis der südafrikanischen ‚Apartheid‘-Politik dar? Ist es möglich, dass seine Figuren bereits eine Antwort auf eine Frage geben, die wir erst noch stellen müssen?“
Öffentliche Aufträge
Seine öffentlichen Skulpturen belebten Orte in ganz Südafrika — vom Flying Owl with Child im Johannesburger Zoo (1972) und dem Peacock Fountain am Oriental Plaza (1974) bis zum vier Meter hohen Madiba and Child am Nelson Mandela Academic Hospital in Umtata (2002), dem Höhepunkt seiner Laufbahn.

Der Mentor
Er war Mentor von Künstlerinnen und Künstlern wie Mmakgabo Helen Sebidi und Tommy Motswai, gehörte dem Artists' Market sowie Jurys von Kunstwettbewerben an und stellte viele Jahre gemeinsam mit der Künstlerin, Bildhauerin und Kunstpädagogin Celia de Villiers aus.

Spätwerk und Lucifer
Jahrzehnte mit Multipler Sklerose und eine Pilgerreise zu einem geistigen Heiler in Brasilien führten zu Lucifer — dem unvollendeten gefallenen Engel, der in seinem Eingangsflur hing. Kurt verstand die Figur als den verlorenen Sohn. The Dragon, kurz nach der Geburt seines Enkels entstanden, war sein letztes vollendetes Werk.
| Lucifers Verwandte — Spirit of Africa, Bittereinders, Lame Bison, The Dragon

Ein letztes Kapitel
Überzeugter Rosenkreuzer, Pfadfinder-Akela, Posaunist in der Afro Guggle Swiss Carnival Band und langjähriges Mitglied des deutschen Humorbundes Schlaraffia — Kurt gab großzügig von seiner Zeit und seinem Wissen. Erinnert wird er nicht nur für sein Werk, sondern für die Vorstellungskraft, die Großzügigkeit und die Überzeugung, die er sechs Jahrzehnte lang vielen Gemeinschaften schenkte. Seine Familie trägt sein Vermächtnis mit Stolz und Liebe weiter.
„Eine Skulptur enthält immer ein Körnchen Wahrheit. Ein Bild ist immer eine Lüge.“ Kurt Lossgott, undatiertes Künstlerstatement (Handschrift)
Transkription
Eine Skulptur enthält immer ein Körnchen Wahrheit.
Ein Bild ist immer eine Lüge —
das Zweidimensionale ist eine Erfindung des menschlichen Verstandes.
Man kann eine Szene so lebendig malen wie nur möglich — sie mag den Betrachter glauben lassen, es sei ein Fenster — und doch bleibt sie stets eine Illusion.
Eine Skulptur ist dreidimensional, wie das Leben, wie alles auf diesem Planeten.
Man kann sie fühlen — riechen — berühren — hören. Ein Gemälde sieht man nur.
Man schließt die Augen, und es ist fort.
Ein zweidimensionales Bild ist notwendigerweise eine Illusion — die einen an etwas erinnert, womit man es vergleichen kann — und so einen Akkord im Unbewussten anschlägt. Dasselbe geschieht mit einer Skulptur, nur dass sie zusätzlich die Eigenschaft hat, alle Sinne einzubeziehen — wie das Leben.
Alles, was wir sehen, ist die Gestalt einer Schale oder Hülle.
Er zerknüllt die Tischserviette in den Händen und wirft sie hin — „Jetzt ist die Serviette das, was sie sein will.“ Kurt Lossgott im Gespräch mit Netarja van der Westhuizen, De Kat, Juni 2000. Übersetzung aus dem Afrikaans








